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Sommerferien mal anders

Die Kleinhirten auf dem Wenger Egg

Timo und Leo sind Schüler, wie hunderttausend Andere in Bayern. Und doch machen die Beiden etwas anders: sie leben in den Ferien hoch droben auf dem Wenger Egg, sechs Wochen lang, mit 130 Jungrindern, ohne Fernsehen, ohne Computer. Timo (14) und Leo (12) helfen als „Kleinhirten“ beim Sömmern der Tiere in 1000 Metern Höhe.

„Uns fehlts an nix!“ beteuern die beiden Buben und blinzeln in die Spätsommersonne, die gerade die Alpe Wenger Egg in ihr mildes Licht taucht. Das ist seit Ende Juli ihr Zuhause, hier wohnen sie mit dem Alphirten Thomas Oberrieder und seiner Partnerin Ramona Steinle.

Hier packen sie mit an, beim Viehtrieb, bei der Versorgung kranker und verletzter Tiere und immer, wenn irgendetwas zu tun ist. „Wir sind die Cowboys, “grinst Leo, „uns fehlt nur das Lasso!“ Mal sind sie unterwegs mit dem Quad, um die „Schumpen“ (Jungrinder bis etwa zwei Jahren) von einer Weide zur nächsten zu treiben, mal zu Fuß um Zäune zu reparieren oder ein Jungtier zu suchen.

Die beiden Schüler aus Wengen verbringen den Sommer schon zum zweiten Mal fernab der üblichen Sommerlustbarkeiten wie Baden gehen ,Eis essen oder am PC spielen: „Unsere Großeltern Möslang haben die Alp fast fünfzig Jahre lang bewirtschaftet, „erzählt Timo, der Ältere,“ als Thomas und Mona sie 2020 übernommen und uns gefragt haben, ob wir helfen möchten, haben wir sofort Ja! gesagt.“ Es ist kein Zuckerschlecken, was sie sich ausgesucht haben.

Aufstehen um halb sieben, dann das Kleinvieh hinterm Haus versorgen, die Schweine füttern, erst danach gibt’s Frühstück. „Die Tiere kommen immer zuerst, dann die Menschen,“ weiß Leo, der als FC Bayern-Fan die Fußballbilder im Fernsehen schon ein bisschen vermisst.

Danach müssen sie schauen, wie es den Rindern geht, ob eines verletzt ist oder krank. Salbenverbände anlegen, das machen sie routiniert, Alphirte Thomas ist begeistert: “Die Buben machen das super!“  Wenn sie sehen, dass ein weibliches Tier „rindrig“ (brünstig) ist, muss es schnell gehen:“ Der Besamer kommt innerhalb weniger Stunden aus Memmingen zu uns rauf,“ weiß Leo. An schönen Tagen unterstützen die Beiden Mona bei der Getränke - und Essensausgabe:“ Das Bier darf nicht ausgehen!“ lacht Timo und sein Bruder ergänzt:“ Monas selbstgebackener Schoko-Kirsch-Kuchen ist der absolute Renner bei Wanderern und Mountainbikern!“

„Als Kleinhirte darfst du kein Weichei sein,“ stellen die Buben nüchtern fest. Fast jeden Abend fallen sie müde ins Bett, der Ferienjob ist anstrengend. Manchmal reichts gerade noch für eine Runde Kartenspielen, das wars dann. „Wir brauchen nicht mehr,“ sagen sie, „es macht echt Spaß, immer mit den Tieren in Kontakt, das ist toll.“ Viele Rinder erkennen sie an ihrer Fellzeichnung, 130 Stück von 15 verschiedenen Bauern genießen das würzige Berggras mit vielen Kräutern.

Nur selten müssen Timo und Leo mal etwas fester zupacken, um die Schumpen auf den richtigen Weg zu lenken:“ Das sind absolute Herdentiere, die laufen immer der Leitkuh hinterher.“ Und neugierig sind sie:“ Ein Loch im Zaun, und sie sind weg!“ Die beiden Schüler wirken lässig und cool, sie wissen genau, was zu tun ist, keine Spur von Heimweh nach dem Tal.

Als Kleinhirten bekommen sie ein Taschengeld von der regionalen Raiffeisenbank, die mit diesem Programm den Hirtennachwuchs für die vielen Alpen im Allgäu fördert. “Leider müssen wir am 14.September wieder runter ins Tal und nach Weitnau in die Schule,“ bedauern Timo und Leo, also wieder Mathe, Sport und Technikunterricht statt Cowboy sein:“ Wenn der Thomas uns wiederhaben möchte, sind wir nächstes Jahr aber wieder oben!“

Thomas nickt:“ Geht klar, Männer!“

 

Bild rechts:

Timo und Leo Möslang die Kleinhirten auf der Alpe Wenger Egg und Alphirt Thomas Oberrieder

Text und Foto von Lutz Bäucker

                                     

 

 

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